Neues Romanprojekt für Amazon

DIE ZEIT, MEIN LIEBSTER

 

Es ist immer nur die Zeit, die uns verbindet – oder uns zerstört.

Ein eiskalter Wintertag in Baden-Baden.
Ein Kind kämpft im reißenden Fluss um sein Leben.
Isobel, 55, erfolgreiche und beherrschte Hotelchefin, und Leander, 26, ziellos und getrieben, versuchen es gemeinsam zu retten.
Zwei Fremde, die für einen Moment alles vergessen – außer der Todesangst, die sie verbindet.

Später, in der warmen Eleganz des Hotels, betäuben sie den Schock erst mit Kaffee, dann mit Whisky.
Und dann geschieht etwas Unerwartetes:
Begehren. Nähe. Eine Obsession, die stärker ist als jede Vernunft.

Doch was als leidenschaftlicher Rausch beginnt, wird zu einem dunklen Strudel.
Isobel kann Leander nicht mehr loslassen.
Er wird ihr Projekt. Ihre Sucht. Ihr Verhängnis.

Während das Elysium floriert, während Gäste kommen und gehen, während alles weiterläuft, als wäre nichts geschehen – verliert Isobel sich selbst.
Je mehr sie nach Leander greift, desto weiter entgleitet er ihr.

Wie weit wird sie gehen, um ihn zu halten?

Ein Roman über Leidenschaft, Macht und Wahnsinn – und darüber, wie zerstörerisch Liebe wird, wenn man sie festzuhalten versucht.

 

(erscheint im Laufe 2026)

 

Leseprobe: 

1.  Rada

In meinem Alter glaubt man fast nicht mehr an Wunder, sondern nur noch an Schmerz und Verlust. Das Leben hatte mir bereits einiges abverlangt, und die Spuren der Mühen und mancher Sorgen zeichneten sich längst in meinem Gesicht ab. Darüber machte ich mir keine Illusionen.

Umso überraschter war ich, als mir an diesem Tag ein echtes Wunder begegnete, das sich nach und nach doch nur wieder in Schmerz verwandeln sollte. Oder stimmte das nicht? War das Wunder echt?

Und war bloß ich wieder diejenige, die es nicht zu schätzen wusste und dadurch verdarb? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte meine Gedanken klären, mir jede Begebenheit im Zusammenhang mit meinem Wunder noch einmal ins Gedächtnis rufen. Ich will davon träumen und mir eine Erinnerung spinnen, so prächtig als sei sie aus Goldfäden. 

Deswegen beginne ich meine Geschichte hier, mitten in Baden-Baden, in der Gönneranlage, direkt an dem kleinen Flüsschen Oos, das sich aufgrund des starken Regen- und Tauwetters in den letzten Tagen zu einem reißenden Fluss verwandelt hatte.
Aber noch schenkte ich dem keine Aufmerksamkeit. Denn ich saß in meinen bequemen weißen Parka gehüllt, mit einer Wollmütze auf dem Kopf, und dicken beigen Lederstiefeln an den Füßen auf einer Bank und las den neuesten Roman von Sebastian Fitzek.

Hin und wieder brauchte ich eine Pause. Ich war seit 20 Jahren Inhaberin und Chefin des Hotels “Elysium“, das nur wenige Schritte von dem Park entfernt lag, in dem ich gerade saß und las.
Ich wiederholte gern das kleine Wortspiel und behauptete: „Mein Hotel ist der perfekte Ort für Reisende und Träumer - oder für träumende Reisende.“

Wie auch immer: Ich hatte mir in vielen Jahren disziplinierter Arbeit mein eigenes kleines Paradies geschaffen. Nur hinterlässt jeder Traum, den wir uns erfüllen, jede Menge verbrannte Erde und einen riesigen Haufen Mist, der im Allgemeinen gern als harte Realität bezeichnet wird. So war es natürlich auch in meinem Fall: Die Corona-Pandemie hatte auch meinen Betrieb ins Straucheln gebracht. Etliche Angestellte hatten sich anderen Branchen zugewandt und ich hatte bis jetzt immer wieder Probleme damit, vernünftige Mitarbeiter zu finden. Denn in meinem Haus gelten gewisse Standards, die manch einer nicht erfüllen kann oder will.

Und an stressigen Tagen ging ich lieber mal für eine halbe Stunde hinaus, um zu lesen, anstatt mich aufzuregen und damit womöglich meine letzten guten Leute auch noch zu vergraulen.

Während ich also den Roman von Fitzek las, der mir nicht gefiel, und dabei die kalte Winterluft registrierte, hörte ich plötzlich Kinderlachen. Ich hob den Kopf, dankbar für die Ablenkung von dem brutalen Buch.

Ich sah mich um und entdeckte rechts von mir ein kleines Kind, das am Ufer des Flusses spielte. Es war ungefähr vier Jahre alt und erschien mir winzig vor der hohen Kulisse aus alten Bäumen. War es ein Mädchen oder ein Junge? Das konnte ich nicht erkennen. Das Kind trug dünne Kleidung, die dem Wetter nicht angepasst war: eine graumelierte Jogginghose, einen ausgeleierten roten Strickpullover und billige gelbe Gummisandalen. Keine Socken.

Sein Haar war halblang und so tiefschwarz, dass es im hellen Licht blau schimmerte. Und sein Teint wirkte dementsprechend dunkel, fast olivfarben. Ein schönes Kind, dachte ich, mit Eltern aus einem bitterarmen Land. Ich tippte auf Rumänien.

Trotz seiner offensichtlichen Armut machte es einen glücklichen Eindruck. Aber es ist noch klein, die richtigen Probleme werden noch kommen, überlegte ich: Ausgrenzung, Mobbing, Fremdenhass. Im reichen, vornehmen Baden-Baden das Kind von Flüchtlingen zu sein, das wird nicht unbedingt leicht. Anderswo bestimmt auch nicht, aber hier…?

Aber ich wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Was wusste ich schließlich schon über Flüchtlinge? Ich besaß ein gutgehendes Hotel, und musste mir keine Sorgen darüber machen, ob ich morgens ein Paar warme Socken und vernünftige Schuhe fand, bevor ich in die Kälte hinaus ging.

Das Kind sprang jetzt von einem Stein zum anderen, lachte und rief nach jemandem, den ich nicht sehen konnte. Ich lächelte traurig und dachte: Wie sorglos Kinder doch sein können. Ihnen gehört der Moment.

Und dann passierte es: Das Kind rutschte aus, verlor das Gleichgewicht und fiel ins Wasser.

In jedem schlechten Roman würde man jetzt vermutlich lesen, das Kind schrie, während es abrutschte und im Fluss landete. Auch ich hätte einen markerschütternden Schrei erwartet, aber der ertönte nicht. Stattdessen gab das Kind nur ein kleines Quieken von sich, das mich an das Pfeifen eines Meerschweinchens erinnerte, ein erschreckter, verhaltender Laut, der mich mehr entsetzte als jeder Schrei es vermocht hätte.

Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand, und ich ließ das Buch fallen. Das Kind kämpfte im reißenden Fluss und versuchte, sich an einem Ast festzuhalten, der ins Wasser ragte. Die Zeit schien stillzustehen, während ich von der Bank sprang und auf das hilflose Kind zurannte.

Obwohl es nur wenige Schritte waren, schien mir der Weg unendlich zu sein. Gerne hätte ich nach links und rechts geschaut, um zu sehen, ob es außer mir noch andere Erwachsene gab, die helfen konnten. Sollte ich an diesem kalten Tag tatsächlich die Einzige sein, die einen Fuß in den Park gesetzt hatte? Das wollte ich nicht glauben. Irgendwo mussten noch andere Leute sein. Aber mein Blick war und blieb auf das Kind fixiert, so als glaubte ich, es müsse in dem Moment untergehen, in dem ich woanders hinsah.

Das ertrinkende Kind rutschte tiefer ins Wasser und jetzt sah ich nur noch ein Büschel seiner Haare oberhalb der Uferkante winken. Dieses Bild wirkte bizarr: als schwenke es da unten eine schwarze Fahne, als Symbol für dieses Unheil und seinen drohenden Tod.

Verdammt, dachte ich, du hast wirklich zu viel Sebastian Fitzek gelesen.

Aber egal … egal. Denn jetzt war ich da, direkt am grasigen Ufer, ich ließ mich zu Boden fallen, streckte den Arm aus und wollte zugreifen – das Kind erblickte mich, ich konnte die Erleichterung in seinen Augen aufblitzen sehen, dann ließ es den Ast los, aber meine Fingerspitzen hatten es noch nicht erreicht. Die wilde Flut riss es mir davon und ich schrie auf.

Jetzt passierte alles gleichzeitig: Links von mir nahm ich eine Bewegung wahr. Ein Mann kam hinzu. Er sagte irgendetwas zu mir, was ich nicht verstand und riss sich dabei schon die Jacke von den Schultern. Die Schuhe folgten, er schnippte sie einfach mit den Füßen weg, ließ sie achtlos liegen. Ein kurzes Schnauben. Dann war er im Wasser.

Ich blieb am Ufer zurück, wusste aber sofort, dass das ein Fehler war. Ich konnte nicht einfach hier sitzen bleiben. Also stand ich auf und versuchte es dem fremden Mann gleichzutun - aber ich zögerte: meine Stiefel? Aus denen kam ich doch so schnell gar nicht raus.

Und dann erst sah ich den Jungen. Er war es gewesen, zu dem das Kind vorhin gesprochen hatte. Er war etwas älter, aber nicht viel. Er stand unterhalb des Ufers auf Steinen und Sand, die Fußspitzen mit nackten Füßen in den gleichen billigen Sandalen, bereits im Wasser. Tränen der Verzweiflung rannen ihm übers Gesicht, und er sah dem schnell abtreibenden Kind hinterher, das kurz davor war, hinter einer Kurve zu verschwinden. Jetzt hatte ich eine Aufgabe: Ich trat hinter den Jungen und fasste ihm an die Schulter.

„Alles wird gut“, sagte ich und deutete auf den jungen Mann, der in dem schäumenden Wasser kraulte, als würde er jeden Tag die wildesten Flüsse durchqueren. Er hatte das Kind fast erreicht. Aber dann kam die Kurve und wir konnten beide nicht mehr sehen.

Der Junge war jetzt außer sich, er wollte sich mir entwinden und in den Fluss springen. Ich verstand ihn, er wollte selber sehen, was hinter der Kurve vor sich ging. Aber das durfte ich nicht erlauben. Der Junge war doch selbst noch viel zu klein, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt.

„Rada“, rief er und sträubte sich gegen mich. „Rada!“

Ich verstand, das musste der Name des Kindes sein. Ein Mädchen also. Ich atmete tief aus und sagte, beinahe lachend: „Rada geht es gut. Der Mann ist bei ihr, er wird ihr helfen. Die beiden kommen gleich, du wirst schon sehen!“

Ich verstärkte meinen Griff um die Schultern des Jungen, aber er kämpfte dagegen an. Ich hatte keine Wahl, ich musste ihn halten. Also drehte ich ihn vom Ufer weg, hin zu mir, beugte mich hinunter und presste mir seinen kleinen Körper an die Brust, als sei ich seine Mutter. Mit meinem Arm umfasste ich ihn und hielt seinen Hinterkopf in meiner Hand. Sein Haar war glänzendschwarz wie Lack und er duftete fremd nach Gewürzen, die ich nicht benennen konnte. 

„Rada!“, jaulte er erstickt an meinem Hals.

„Ich weiß, ich weiß“, sagte ich“, alles wird gut!“ und erst jetzt spürte ich, dass auch über meine Wangen Tränen liefen.

Wer war ich denn, dass ich dem Jungen einen guten Ausgang des Unglücks versprach? Wer war ich? Und was wusste ich? Nichts! Ich wusste gar nichts von diesen Kindern - und ob sich nicht zu jedem Unglück gleich noch drei weitere dazu gesellen. Ich wusste es einfach nicht. Ich war niemand, nur eine deutsche Hotelchefin, die nichts wusste von der Welt, von ihren Gesetzen und von der Macht des Schicksals.  Ich wusste gar nichts und konnte nichts versprechen.

Dann hörte ich den Mann von Weitem nach mir rufen: „Kommen Sie, kommen Sie schon, ich brauche Hilfe!“

Erst jetzt begriff ich, dass ich das Ufer wieder hinaufspringen konnte und erkannte auch den Trampelpfad, der um die Kurve herumführte. Ich zögerte. Was sollte ich mit dem Jungen machen?

Aber dann wurde mir klar, dass er ohnehin nicht allein hier stehen bleiben würde. Also schnappte ich mir seine kleine Hand und lief los. Anscheinend begriff er sofort, denn er war mir anfangs sogar zwei Schritte voraus. Dann rannten wir gemeinsam, was ihn von dem Unglück ablenkte, denn er weinte nun nicht mehr. Wir nahmen rasant die Kurve, und vor uns im dürren Gras lag nun das Kind. Es schien leblos. Der Mann hatte sich über den kleinen Körper gebeugt, hantierte hilflos hier und dort und schien nicht zu wissen, was er tun sollte.

In diesem Moment erkannte ich, dass der Mann noch sehr jung war. Ich schätzte ihn auf 20 bis 25 Jahre. Auffällig war seine magere Gestalt. Wie er nun völlig durchnässt auf der Wiese kauerte und sein Shirt an ihm klebte, zeichneten sich seine Rippen deutlich unter dem Stoff ab. Außerdem trug er sein Haar mehr als schulterlang: Die tropfenden Strähnen reichten ihm bis zur Brust und schienen im trockenen Zustand feuerrot zu sein. Nun aber wirkten sie wie nasses Kupfer.

„Können Sie Erste Hilfe?“ Er sah mich an, mit einem leichten Vorwurf im Blick, als hätte ich gerade absichtlich getrödelt.

Ich antwortete nicht, sondern ließ mich ihm gegenüber ins Gras sinken. Das leblose Kind lag nun zwischen uns, den Jungen hielt ich mit meinem Körper davon weg. Aber nun beugte ich mich zu ihm hin und versicherte: „Wir werden deiner Schwester helfen. Bitte bleib ruhig!“

Und tatsächlich schien es so, als hätte ich in diesem Moment meine Ruhe, meine Erfahrung und meine Kompetenz wiedererlangt. Ich wusste, was zu tun war:

Ich lauschte nach der Atmung des Kindes. Stille. Auch ein Puls war nicht fühlbar. Ich überstreckte den kleinen Hals, um die Atemwege zu öffnen. Zu dem Mann sagte ich: „Sie ist bewusstlos. Sie atmet nicht.“

Der junge Mann nickte, seine Augen weit vor Schreck. „Was sollen wir tun?“

„Wiederbelebung“, antwortete ich ruhig.

Er sah mir in die Augen, anscheinend wollte er prüfen, ob ich überhaupt eine Ahnung von dem besaß, was ich vorhatte. Seine Iris war mattgrün, wie das Gras, auf dem wir hockten, und wie der wilde Fluss, der uns dieses Unheil gebracht hatte.

Ich beugte mich über das Kind, legte beide Hände seitlich des Brustbeins über Kreuz und begann mit der Herzdruckmassage. Eins, zwei, drei – rhythmisch und bestimmt. Ich zählte bis 30, dann blies ich zwei meiner Atemzüge in den winzigen Mund des Kindes. Danach folgte wieder der rhythmische Druck auf seine Brust.

Der Mann hatte den Jungen zu sich gewunken und hielt seine Hand. Vermutlich hätte er ihn umarmt, wenn er selbst nicht so nass gewesen wäre. Ich sah, dass der Mann zitterte. Wahrscheinlich würde er sich heute ordentlich verkühlen.

„Haben Sie auch kein Handy dabei?“ fragte ich plötzlich, ein Gedanke, der die ganze Zeit durch meinen Kopf gewabert war.

„In meiner Jacke“, stammelte er und zeigte zurück in Richtung des Parks.

„Laufen Sie“, sagte ich. „Rufen Sie einen Rettungswagen!“

Er sprang auf, zögerte kurz, unschlüssig den Jungen dazulassen, aber dann rannte er los. Ich sah ihm nach, sah seine schmalen Schultern hinter einem Baum verschwinden, und konzentrierte mich wieder auf das Kind … 28, 29, 30 – wieder Beatmung.

„Wir schaffen das“, flüsterte ich mehr zu mir selbst als zu dem leblosen Körper unter meinen Händen. „Du bist ein tapferes, kleines Mädchen, Rada.“

Ich dachte an ihren Blick der Erleichterung, als sie mich gesehen hatte. Es hatte Hoffnung darin gelegen, aber auch etwas Humorvolles, Schalkhaftes. Sie schien mir stark zu sein, wie ein Kind, aus dem eine bodenständige, weltkluge Frau werden konnte – vielleicht gerade aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Geschichte.

Aber natürlich spann ich mir nur etwas zurecht, um mich zu motivieren, nicht aufzuhören. Denn es gibt wohl nichts Anstrengenderes als eine Wiederbelebung, die keinen Erfolg zeigt.  Radas Lippen waren blau angelaufen, ihr Gesicht stumpf und wachsweiß.

Sie sieht jetzt schon aus wie eine Leiche, dachte ich und hasste mich dafür. Zumindest wusste ich, dass ich nicht aufhören durfte. Meine Mühe konnte entscheidend sein.

Die Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten, während ich unablässig weitermachte. Der Junge neben mir weinte jetzt leise, seine kleinen Schultern bebten unter der Last seiner Angst. Er hatte instinktiv die Hand seiner Schwester ergriffen und drückte sie im Rhythmus meiner pressenden Handflächen.

„Bitte“, flüsterten wir gemeinsam - ich in meiner- und der Junge in seiner Sprache, „bitte, Rada, wach auf.“

Da sah ich den jungen Mann zurückkehren. Er schien sich warm gelaufen zu haben und seine Haare waren nun etwas voller und rötlicher.  „Ich habe Hilfe gerufen“, sagte er, als er uns erreichte. „Sie kommen gleich!“

Ich nickte nur und drückte weiter auf Radas Brust. Ich war bereits stark außer Atem, merkte das selbst aber gar nicht. Nur als der Mann fragte: „Soll ich Sie ablösen?“, spürte ich, wie erschöpft ich war.

„Glauben Sie, dass Sie es hinkriegen?“

„Ich habe aufmerksam zugeschaut.“

Sein Oberkörper drängte bereits nach vorn und er hatte die Hände ausgestreckt, also wich ich zurück und überließ ihm das Kind. Aber noch war ich auf dem Sprung, bereit, sofort zurückzukehren, sollte er versagen.

Ich beobachtete, was er tat, wie er die Hände anlegte, zudrückte, mit gut dosiertem Gewicht auf den kleinen Körper des Kindes einwirkte: stark, aber nicht zu viel. Er hatte ein Gefühl dafür. Und in dem Moment war ich unglaublich stolz auf uns. Wofür ich mich schämte.

Wir zählten gemeinsam bis 30 und auch der Junge stimmte in unser Duett ein. Wir wurden zum Trio, ein verzweifelter Gesang aus Zahlen, der trotz allem ein bisschen Hoffnung in den grauen Frühlingshimmel sandte.

Und Rada lag unter uns im Gras, wie eine gefühllose Puppe, an der wir unsere Überlebenstechnik probierten, nicht wissend, ob nicht eine andere Macht sie längst zu sich geholt hatte und uns von Ferne, leise lachend, verhöhnte.